Marburg-Siegener Hütte

100 Jahre Marburg-Siegener Hütte in den Sarntaler Alpen 1914 – 2014

Es waren vorwiegend verwandtschaftliche Bande, die den Ersten Vorsitzenden der Sektion Marburg in Hessen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins (DuOeAV) Prof. Dr. Friedrich Schenk im Jahre 1909 veranlassten, der Siegerländer Sektion einen gemeinsamen Hüttenbau an der Flaggerscharte in den Sarntaler Alpen vorzuschlagen. Sein Vater Dr. Martin Schenk war bis 1903 in Siegen Erster Vorsitzender dieser damals kleinen Sektion am Rande des Rothaargebirges gewesen. Jede der beiden Sektionen fühlte sich in dieser Zeit wohl nicht genügend leistungsfähig für einen eigenen Hüttenbau. Man wurde sich deshalb schnell einig, und es gelang, die Hütte bis Anfang 1914 fertig zu stellen. Doch die bereits geplante prunkvolle Einweihung fiel dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Opfer. Am folgenden, besonders tragischen Verlust der Marburg-Siegener Hütte und an ihrer späteren Entwicklung lässt sich eindrucksvoll das Schicksal aller Hütten der deutschen und österreichischen Sektionen des DuOeAV in Südtirol darstellen. Um diese Entwicklung zu verstehen, bedarf es zunächst eines kleinen Exkurses in die Geschichte Südtirols, das bis zum Jahre 1919 Teil des Staates Österreich-Ungarn war.

Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 in Sarajevo entwickelte sich im Laufe des Sommers der Erste Weltkrieg, in dem sich die sogenannten Mittelmächte Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich auf der einen Seite und eine Allianz aus Frankreich, Großbritannien und Russland auf der anderen Seite gegenüber standen. Italien, das ursprünglich mit den Mittelmächten in einem Dreibund verbunden war, hielt sich vorläufig neutral aus dem Kriegsgeschehen heraus. Im Jahre 1915 gelang es der Allianz, Italien auf seine Seite zu ziehen. Gegen das Versprechen, nach einem eventuellen Friedensschluss Tirol bis zum Brenner sowie das Trentino in sein Staatsgebiet eingliedern zu dürfen, erklärte es am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn und später Deutschland den Krieg. Das Ende ist bekannt: Österreich-Ungarn und Deutschland verloren den Krieg, und Italien bekam am 10. September 1919 im Friedensvertrag von St. Germain beide Gebiete zugesprochen. Italien wurde außerdem das Recht eingeräumt, österreichisches und deutsches Privateigentum zur Deckung von Reparationskosten zu beschlagnahmen und zu enteignen.

Unmittelbar nach Vereinbarung des Waffenstillstandes wurden die meisten Alpenvereinshütten in Südtirol vom italienischen Militär besetzt und ab 1923 dem Club Alpino Italiano (CAI) verpachtet. Davon ausgenommen blieben die Hütten im Bereich des Alpenhauptkammes, die bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, teilweise bis in die 1970er Jahre, in der Verfügungsgewalt des Militärs blieben. De facto wurde eine Enteignung der Hütten des DuÖAV schon unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges vorgenommen. Dies wurde von vielen Juristen sowohl zivil- wie auch völkerrechtlich als fragwürdig angesehen, weshalb offenbar auch zunächst von einer Umschreibung der Eigentümer in den Grundbüchern abgesehen wurde. Erst in den Jahren 1948 bis 1950 (bezüglich der Marburg-Siegener Hütte am 24. Januar 1950) erfolgte dort die Löschung der Alteigentümer und die Eintragung der Republik Italien als neue Eigentümerin. Man darf vermuten, dass der italienische Staat diese Zeit, als der Deutsche Alpenverein aufgelöst worden war sowie Deutschland darniederlag und sich beide deshalb rechtlich nicht wehren konnten, als günstig genug ansah, eine unsichere Rechtslage durch Fakten zu ersetzen.

Im Jahre 1998 übertrug die Republik Italien die Eigentumsrechte an 26 ehemals deutschen und österreichischen Hütten in Südtirol, darunter die Marburg-Siegener Hütte, der Autonomen Provinz Bozen. Diese kündigte den Pachtvertrag mit dem Club Alpino Italiano (CAI) zum Jahresende 2010 auf. Seit dem Jahre 2011 ist nun der Hüttenwirt Manfred Niederkofler alleiniger Konzessionär (Pächter) der Marburg-Siegener Hütte.

Und nun zur Hütte selbst. Im Sommer des Jahres 1909 nahmen Mitglieder der Sektionen Marburg und Siegerland unter Mithilfe der DuOeAV-Sektion Brixen die Gegend um die Flaggerscharte in Augenschein und legten den Hüttenbauplatz fest. Am 1. Dezember 1909 bzw. am 5. Januar 1910 beschlossen die beiden Sektionen formal die Ausführung des Projektes, wozu neben den Zugangswegen auch der Bau eines Teiles des Verbindungsweges zum Penser Joch gehören sollte. Von diesem insgesamt etwa 16 km langen Weg waren zum damaligen Zeitpunkt etwa 10 km vorhanden. Der damalige Grundeigentümer Michael Seeber aus Oberau hatte sich am 27.6.1910 bereit erklärt, den Sektionen einen Bauplatz in der Größe von 1 500 qm zum Preis von 80 Kronen zu verkaufen. Ein entsprechender notarieller Kaufvertrag wurde am 26. August 1913 in Brixen abgeschlossen.

Unter Verwendung der Pläne, die von Baurat Kruse aus Siegen erstellt worden waren, stellte man am 29. Januar 1910 beim Zentralausschuss des DuOeAV einen Antrag auf Genehmigung des Projektes, die am 30. August 1910 mit der Bewilligung einer Beihilfe in Höhe von 4 000 Mark positiv beschieden wurde. Die DuOeAV-Sektion Brixen erklärte sich bereit, die Projektsteuerung und die örtliche Bauleitung zu übernehmen. Deren Zweiter Vorsitzender Fritz Walde hat sich dabei besondere Verdienste erworben. Am 5. Januar 1912 wurde mit dem Maurermeister Alois Pichler aus Brixen ein Bauvertrag abgeschlossen.

Ungünstiges Wetter im Sommer 1912 und zwischenzeitliche Zahlungsschwierigkeiten des Bauunternehmers verzögerten die Fertigstellung des Rohbaus mehrfach. Eine mangelhafte Ausführung der Arbeiten führte vorübergehend zu einer ernsten Verstimmung mit der Sektion Brixen. Erst Ende 1913 konnte die Hütte fertig gestellt und abgenommen werden. Nun schien alles ein gutes Ende zu nehmen, zumal man mit dem Bergführer Josef Gargitter aus Brixen auch noch einen guten Hüttenwirt gefunden zu haben glaubte. Mit ihm wurde am 15. Juni 1914 ein Pachtvertrag abgeschlossen. Ab dem 1. Juli wurde die Hütte dann voll bewirtschaftet, wie sich später herausstellen sollte, allerdings nur für wenige Tage. Die für den 9. August 1914 geplante prunkvolle Einweihungsfeier machte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zunichte; die Feierlichkeiten mussten abgesagt werden. Gargitter wurde zu den Soldaten eingezogen; sein weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Nach dem Ende des Krieges ereilte die Marburg-Siegener Hütte das gleiche Schicksal wie alle anderen Hütten deutscher und österreichischer Sektionen in Südtirol. Sie wurde enteignet.

Im Jahre 1920, als man noch die Hoffnung hegte, man bekäme die Hütte bald wieder zurück, reisten einige Mitglieder der Sektionen Marburg und Siegerland unter schwierigen Bedingungen nach Südtirol. Von Oberau stieg man über die Flaggeralm hinauf zur Flaggerscharte und verbrachte in der ausgeplünderten Hütte eine ungemütliche, „das Gemüt mehr als den Körper befriedigende“ Nacht, wie es einer der Teilnehmer später formulierte. Aus dem Jahre 1924 liegt uns ein Bericht von Raimund v. Klebelsberg vor, in dem er der Hütte, die dort seit 10 Jahren verlassen stand, ein „trauriges Bild“ attestierte und die Vermutung äußerte, dass der Bau dem Verfall preisgegeben sei. In dieser Zeit gründete sich in Brixen eine Sektion des Club Alpino Italiano (CAI), die dann die Hütte pachtete und sie bis Ende der 1920er Jahre wieder leidlich herrichten konnte, so dass in den 1930er Jahren, wahrscheinlich von 1935 bis 1938, für einige Sommer eine einfache Bewirtschaftung möglich war.

In den Jahren des Zweiten Weltkrieges bekam die Hütte wiederholt ungebetenen Besuch, wurde wieder ausgeplündert und befand sich danach erneut in einem desolaten Zustand. Die CAI-Sektion Brixen, die noch weitere Hütten übernommen hatte, war nicht mehr in der Lage, die finanziellen Lasten einer erneuten Wiederherstellung zu tragen und überließ sie der damaligen Untersektion Franzenfeste. Deren Mitglieder waren voller Tatendrang und begannen 1956 mit einem unglaublichen Elan mit der Renovierung. Erleichtert wurde dies durch die Mithilfe des italienischen Militärs, dessen Mulis alles erforderliche Material zur Hütte transportierten. Man ließ sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen, wie z. B. 1959, als das zuvor neu gedeckte Dach durch einen Sturm abgedeckt wurde. Bei dessen Wiederherstellung half dann das US-Militär mit kostenlosen Hubschrauberflügen. Am 11.9.1960, also 56 Jahre nach der erstmaligen Fertigstellung, konnte die Hütte dann endlich eingeweiht werden. Im Anschluss an die Einweihungsfeier, an der auch drei Mitglieder der Siegerländer Sektion in offizieller Mission teilnahmen, zelebrierte Kooperator Josef Granruat aus Brixen, ein junger ladinischer Priester, die heilige Messe vor der Hütte in Gottes freier Natur. Die Hütte erhielt danach den Namen „Flaggerschartenhütte“ (Rifugio Forcella di Vallaga). Die alte Bezeichnung „Marburg-Siegener-Hütte“ blieb aber im deutschsprachigen Raum gebräuchlich und ist heute wieder der offizielle Name.

Die Bewirtschaftung der Flaggerschartenhütte war von Anfang an ein großes Problem. Lange Zugangswege und vermutlich die Nachbarschaft der berühmten Dolomiten, die den großen Touristenstrom an den Sarntaler Alpen vorbeilocken, sind bis heute Gründe für einen schwachen Besuch der Hütte geblieben. Eine fehlende Materialseilbahn erschwerte bisher außerdem jedem Hüttenwirt die Arbeit. Es war schon viel Idealismus der Mitglieder der seit 1966 selbständigen Sektion Franzenfeste erforderlich, um das Bergsteigerheim am Leben zu erhalten. Der erste Hüttenwirt war Emanuel Obkircher, der ab 1958 noch vor der offiziellen Einweihung und anfangs nur übers Wochenende die Bewirtschaftung übernahm. Er blieb bis 1964, wobei ihm die Arbeit durch regelmäßige Militärmanöver mit der Folge von Wege- und Hüttensperrungen erheblich erschwert wurde. Danach waren bis Anfang 1973 regelmäßig Sektionsmitglieder zum Arbeiten und Kontrollieren oben. Eine Selbstversorgung war obligatorisch. Obkircher versuchte es von 1973 bis Ende 1975 noch einmal als Hüttenwirt und resignierte dann endgültig.

Ein Glücksfall war es, als ab 1976 das Ehepaar Coccia für die Bewirtschaftung gewonnen werden konnte, das bis Ende 2000 mit großem Engagement das Amt ausübte. Es war sicher eine gute Zeit in der nunmehr 100-jährigen Geschichte der Hütte. Es folgte Daniel Volcan von 2001 bis 2005, der sich dann aber durch seine plötzliche Kündigung unmittelbar vor Beginn der Saison 2006 sicher keine Verdienste erworben hat. Es gelang nicht, so kurzfristig einen neuen Hüttenwirt zu finden, sodass die Hütte in diesem Jahr geschlossen bleiben musste. Die Suche nach einem neuen Bewirtschafter gestaltete sich schwierig, doch als man schon zu resignieren begann, bewarb sich wie aus heiterem Himmel Manfred Niederkofler aus dem Pustertal, der danach ab der Saison 2007 Pächter der Hütte wurde.

Wenn wir die Nachrichten, die uns in den letzten Juli-Wochen 2014 aus Südtirol erreicht haben, richtig einordnen, dann müssen wir der langen, meist unglücklich verlaufenen Geschichte der Marburg-Siegener Hütte nun ein weiteres trauriges Kapitel anfügen. Unglaubliches ist geschehen: Der Hüttenwirt Manfred Niederkofler ist mitten in der Saison verschwunden, buchstäblich abgetaucht, und hat die Hütte sich selbst überlassen. Mit dieser Nachricht gingen diffuse Gerüchte über sein Verschwinden einher, die wir nicht überprüfen können und deshalb aus begreiflichen Gründen nicht wiedergeben wollen. Eine provisorische Bewirtschaftung der Hütte durch eine Angestellte scheint aber gewährleistet zu sein.

Seit dem Ende des Pachtverhältnisses mit dem CAI vor inzwischen fast vier Jahren bemühte sich die Provinzregierung Bozen, ein tragfähiges Konzept für die Bewirtschaftung der Hütten zu entwickeln. Immerhin läuft jetzt seit Anfang Juli eine "öffentliche Ausschreibung für die Vergabe der Führung der landeseigenen Schutzhütten". Ob danach die angestrebte Gesamtvergabe aller ausgeschriebenen 26 Hütten an nur eine Organisation der Weisheit letzter Schluss sein wird, bleibt abzuwarten. Man darf jedenfalls gespannt sein, ob danach schon das letzte Wort gesprochen sein wird.

Hüttenzugänge

von Mittewald 5 - 6 Stunden
von Durnholz 2,5 Stunden
von Asten 3 Stunden

Übergänge

Penser Joch 4 - 5 Stunden
Klausener Hütte 5 Stunden
Latzfonser Kreuz 5 Stunden

Hüttenberge

Jakobspitze 1,5 Stunden
Tagewaldhorn 2 Stunden

Hüttentouren

Empfehlenswert: Penser Joch - Marburg-Siegener Hütte - Latzfonser Kreuz (evtl. Abstecher zur Klausener Hütte und Radlseehütte) - Rittner Horn

In Umgekehrter Richtung Verlängerung vom Penser Joch auf der "Hufeisenrunde" nach Weißenbach und zur Meraner Hütte möglich

Quellen

Archive der Sektionen Marburg und SiegerlandArchive des DAV, des AVS und des ÖAVMein besonderer Dank gilt den Herren Wolfgang Rumpf (DAV-Sektion Marburg, † 2009), Florian Trojer und Gislar Sulzenbacher (beide Alpenverein Südtirol) und Kurt Prossliner (CAI Sekt. Franzensfeste) die mir mit umfangreichen Informationen geholfen haben.

Weitere Quellen:
Schriftwechsel DuOeAV-Sektionen Marburg/Siegerland/Brixen,
Schriftwechsel mit der Autonomen Provinz Bozen
Bauakten Marburg-Siegener Hütte und Grunderwerbsvertrag mit M. Seeber,
Festschriften der Sektionen Siegerland und Marburg,
Franz Schartiger: Die Marburg-Siegener Hütte und die Siegerlandhütte (1955),
R. v. Klebelsberg: Die Marburg-Siegener Hütte an der Flaggerscharte (1924),
Dr. Paul Mayr: Die Enteignung der Alpenvereinshütten 1923 (Bozen 1966),
Fausto Ruggera: Montagne senza confine (Brixen 1994)
Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 - 1945 (DAV OeAV AVS 2011)

Joachim Ertel